Michels kurzes Glück

Michels Glück war kurz und zu spät. Sein Schicksal, das von Millionen Strassentieren, hat mich sehr betroffen.

30.September 2012 – nun hat der namenlose Tiger einen Namen

Hätte Lucky es noch erlebt, wäre er überglücklich – da bin ich mir ganz sicher. Hier ist er nun sein „Freund“, der kleine ehemalige und so scheue kleine Tiger.
Sobald Lucky ihn auf den Hof sah, flitzte er ihm entgegen. Nur er konnte sich den kleinen Seelchen ohne Probleme nähern. Das erste Mal sahen wir den kleinen Tiger im Winter 2010/11. Er war nur Nachts unterwegs, um nicht zu verhungern. Kater Stummi bekam für die Nacht immer eine kleine Portion Trockenfutter vor die Tür gestellt und dort bediente sich der kleine Tiger.

Sobald man ihn aus gebürender Entfernung ansprach, nahm er Reissaus. Wir vermuteten, das er ein Heim hatte, was sich als Fehler entpuppte. Im Sommer letzten Jahres zogen wir auf die andere Strassenseite. Dorthin folgte er uns ebenfalls. Allerdings dauerte es einige Monate, bis wir ihn zufällig am Futternapf bemerkten. Leider gab es zwischen den namenlosen, den ich meist „Musch-Musch“ rief und Kater Stummi extreme Kämpfe. Stummi hat sich unser Heim bereits vor einigen Jahren einverleibt und nun machte ihn der Kleine sein Revier streitig und wie. Beide vertrugen sich nicht. Der eine verteidigte sein Revier und der andere kämpfte ums tägliche Überleben.

So kam es, das wir den Lütten ebenfalls fütterten, aber nie im Garten. Er hielt sich meist nur unter den Tannen auf den Hof auf. Dort war er sicher vor Regen, Autos und anderen Gefahren. Monatelang ließ er niemanden an sich ran. Erst nach und nach konnte ich mich ruhig auf der Bank setzen und ihn beim fressen beobachten. Herrje war er dünn, völlig unterernährt und sein Fell sah so verfiltzt aus wie bei einer Langhaarkatze.

Sehr langsam fasste er Vertrauen und kam mir bereits entgegen, wenn ich ihm den gefüllten Napf brachte. Und nach und nach konnte ich ihn streicheln und ja irgendwann konnte ich ihn das lose Fell bürsten. Er genoss die Aufmerksamkeit, die er nun jeden Tag zur gleichen Zeit bekam. Aber die furchtbaren Auseinandersetzungen mit Stummi waren schlimm. Mal war Stummi total zerfleddert, mal der Kleine. Meist Stummi. Und so kam es wie es kommen mußte, das Tigerchen schonte auffällig eine Pfote. Trotzalledem war Stummi eindeutig der Unterlegende. Oft kam er völlig verstört nach Hause.

Ich hatte den kleinen Überlebungskünstler bereits schon liebgewonnen. Aber es nützte nichts, er mußte endlich ein Heim bekommen. Der kleine namenlose Kater hatte Glück. Wir fanden zwar keine neue Heimat, aber ein Verein half tatkräftig. Nachdem er tierärztlich untersucht, entwurmt, tätoviert und gechipt wurde, haben wir es riskiert und ließen ihn dann auf den Hof. Woh welche Veränderung doch die Kastration brachte. „Zausel“ wie ich ihn nun rief, war ganz verändert. Er ließ Stummi seine Ruhe und verhielt sich sehr ruhig, denn er bekam ja täglich mehrmals Futter. Es dauerte etliche Wochen, bis er endlich etwas Gewicht zunahm. Und weitere bis sein Fell sich erholte. Heute ist er ein bildhübscher Tiger.

„Zausel“ traute sich sehr schnell in den Garten, mehr noch, er weigerte sich, an seinen alten Futterplatz zu futtern. Nun belagerte er den großen Kratzbaum. Er bedrängte Stummi nicht mehr. Ja und Madam Lizzy ignorierte meist den Neuen. Nur wenn wir beide Abends auf den Hof unsere Runde drehten, dann kam den Zausel in gebührenden Abstand hinterher. Das konnte sie einfach nicht dulden. Zausel ist jedoch zäh im Nehmen. In der Regel hielt er mehr Abstand und begleitete uns doch, da konnte Madam Lizzy noch so viel über die Schultern schauen. :-))

Zausel war mutig und schlich sich sogar in unseren Heim, aber sobald er etwas hörte oder sah außer meine Person, flüchtete er sofort nach draußen. Nun wir haben uns entschlossen, ihn einen richtigen Namen zu geben. Denn wenn er sich mit Stummi und Madam Lizzy verträgt, kann er hier bleiben. Und wenn er eines Tages die Katzenkiste benutzt, darf er auch rein. Zur Übung hat er draußen eine Kiste mit Sand gefüllt. Ja und er hat sie sogar auch schon ab und an benutzt.

Michel (ehemals Zausel) pirscht sich in den Garten und Wohnung:

Leider hat sich das Verhältnis zwischen Stummi und Michel, ja er heißt jetzt MICHEL, verändert. Stummi hat die Oberpforte und sobald er den Michel sieht versucht er ihn zu vertreiben. Immerhin kämpfen sie nicht mehr, denn Michel ist schneller. Aber auch wenn Michel den vermutlich 3. Winter draußen verbringen muss, hat er alle Chancen ihn sehr gut zu überstehen. Er hat es sich unter unseren paar Tannen im Garten gemütlich gemacht. Als Dach dient eine 5 x 4 Meter große Plane. Er hat dort die größere Hütte stehen, in der er oft heimlich nächtigte. Er hat dort einen windgeschützten und wärmeren Ruheplatz. Ob er jemals ins Haus kommt oder immer draußen bleibt, er hat endlich ein Heim, Menschen die ihn nicht allein lassen, Menschen die sich um ihn kümmern.

 

30.Oktober 2012 – Michel kämpft um sein Leben

Es sah so gut aus mit den kleinen Seelchen und nun muss ich augenscheinlich heute Abend wieder einmal dies schwere Entscheidung treffen: Leben oder Erlösen?
Mir fiel auf, das Michel seit einiger Zeit nur alle 2 Tage richtig futtert. Nach wie vor hatte er einen unbändigen Durst, sein Stuhl war viel zu hell, aber wenigstens nun geformt.

Michel erobert den Garten

Auch vom Wesen her änderte er sich. Sonst forderte er mich beim letzten Besuch, der immer zwischen 22 und 23 Uhr stattfand, zum spielen auf. Wenn ich das Laub im Garten zusammenfegte, war er stehts dabei. Wenn ich mich auf einen Stuhl setzte kam er nach ein paar Minuten nach. Erst einige Streicheleinheiten und dann hüpfte er entweder auf meinen Schoß oder belegte den anderen Stuhl. So genossen wir beide das sonnige Wetter. Nun jedoch rührte er sich nicht mehr. Er wollte nicht recht futtern, Streicheleinheiten lies er zu aber man merkte, dass es ihn nicht unbedingt behagte.

Michel rührte den Futternapf in den letzten zwei Tagen nicht an, er bewegte sich ungern und sah irgendwie aphatisch aus. Sein so mühsam angefuttertes Gewicht verliert er nun. Gestern stellte ich ihm ein Schälchen mit frisch gebrühten Hähnchenbrustfilet direkt vor die Nase. Auch dieser sonst schnell gefutterte Leckerbissen ließ er stehen. Da war für mich nun der endgültige Beleg, das er ernsthaft erkrankt sein muss.

Am Nachmittag ging es zum Tierarzt. Der untersuchte ihn, hörte ihn ab. Der erste was er sagte war, „das Tier ist völlig Dehydriert“. Und das obwohl er viel zu viel Wasser getrunken hat! Ein schlechtes Zeichen. Die Schleimhäute waren immer noch sehr blass/farblos. Der TA tastete den Bauchraum ab und merkte eine „Verdickung“. Das war nur mittels Röntgenbild zu klären. Was auf den Bild zu sehen war, sah besorgniserregend aus. Die Leber und Milz waren stark vergrößert. Ein Tumor wurde vermutet. So mußte auch ein Bildbild erstellt werden. Ja die nächste Hiobsnachricht, denn die Leberwerte waren sehr schlecht. Ob es nun ein Tumor ist konnte der TA nur erkennen, wenn er direkt nachsieht. Michel wurde in Narkose ein Stückchen Milz entnommen. Das wurde eingeschickt. Erst heute Abend werde ich den Befund wissen. Und mir ist ganz bange davor. Denn es wird entscheidend sein, wie es weitergeht. Es könnte laut TA auch eine Virusinfektion sein. Auch das wäre sehr schlecht, denn diese Diagnose gefährdet Madam Lizzy und Stummi.
Man kann es drehen wie man will, es sieht einfach nicht gut aus. Heute Mittag sagte der TA mir, das Michel die Nacht überstanden hat (auch das war fraglich!) und es ihn den Umständen entsprechend gut geht.

Update – Oktober 2012 –  es ist vorbei. Der kleine tapfere Kämpfer hat verloren.

Primäre Leukose so lautete die Diagnose.
Ich bin unendlich traurig. Er hatte so gekämpft und doch verloren.

Michel hatte gerade ein paar Monate glücklich leben können. Ohne den täglichen Überlebenskampf, ohne  vor Hunger schmerzenden Magen, nie mehr allein zu sein und geliebt zu werden.

Ich werde nie vergessen, wie er minutenlang im Garten um den Stuhl umher schlich. Er zögerte aber dann sprang Michel auf meinen Schoss und schnurrte, rollte sich zusammen und schlief einige Minuten völlig entspannt.

 

 

Folgende Videos finden Sie auch auf Youtube:

 

Und hier hat er sich reingetraut. Kater Stummi war nicht begeistert, Madam Lizzy  interessierte nur ihr Futternapf während Michel stur und gelassen  dazwischen liegt.